|
PressAngeblicher Ehrenmord

Bruder der
toten Morsal O. vor Gericht
Sebastian
Bronst, dpa, N24
Vor dem Landgericht Hamburg begann der Prozess um den
sogenannten Ehrenmord an einer 16-jährigen Deutschen
afghanischer Herkunft. Ihr 24-jähriger Bruder tötete sie
wegen ihres Lebenswandels.
Ihre Freunde beschrieben die 16-jährige Deutsch-
Afghanin aus Hamburg als offen, lebenslustig und
selbstbewusst. Fotos von Morsal zeigen ein
aufgeschlossenes Mädchen mit langen schwarzen Haaren und
modischer Kleidung. Die 16-Jährige wollte so leben wie
andere Jugendliche. Doch am Abend des 15. Mai streckte
ihr älterer Bruder sie mit 23 Messerstichen in der Nähe
eines U-Bahnhofs brutal nieder. Morsal verblutete auf
einem Parkplatz. Ihr Tod sorgte bundesweit für
Entsetzen. Am Dienstag begann vor dem Landgericht
Hamburg der Prozess gegen den mittlerweile 24 Jahre
alten mutmaßlichen Messerstecher aus dem engsten
Verwandtschaftskreis.
Hinrichtung im Namen der Moral
In dem Verfahren um die angebliche Hinrichtung im Namen
traditioneller Moralvorstellungen muss sich der junge
Mann wegen Mordes verantworten. Heimtückisch und aus
niederen Motiven habe er seine Schwester in einen
Hinterhalt gelockt und ohne Vorwarnung erstochen, sagt
Wilhelm Möllers, Sprecher der Staatsanwaltschaft
Hamburg: "Wir gehen davon aus, dass er das Treffen
zielgerichtet Schwester mehrmals zusammengeschlagen
Mehrmals soll ihr als aggressiv bekannter Bruder Morsal
vor der tödlichen Attacke zusammengeschlagen haben. Er
warf ihr einen angeblich unzüchtigen Umgang mit Männern
vor, verurteilte ihren Kleidungsstil und verdächtige sie
sogar, als Prostituierte zu arbeiten. Sie habe einen
"völlig falschen Umgang" gehabt und er hoffe, dass sie
tot sei, soll er direkt nach der Tat einem Taxifahrer
anvertraut haben, in dessen Wagen er flüchtete. Nach
seiner Festnahme wiederholte er sein Geständnis bei der
Polizei.
Mehr zum Thema23-Jähriger tötet seine Schwester
Auch bei anderen Mitgliedern der Familie eckte Morsal
immer wieder an. Einmal nahmen die Eltern ihre
pubertierende Tochter aus der Schule, und brachten sie
zurück nach Afghanistan. Mehrmals floh die junge Frau
vor dem Druck in Jugendhilfeeinrichtungen. Aber
freiwillig kehrte sie immer wieder zu ihrer Familie
zurück - so auch kurz vor dem fatalen Treffen mit ihrem
Bruder.
Behörden haben zu wenig für Morsals Sicherheit getan
Nicht zuletzt dieser Umstand sorgte in Hamburg nach der
Tat für Diskussionen. Die Behörden hätten nicht genug
für Morsals Sicherheit getan, kritisierten Medien. Der
Senat verkündete ein Maßnahmenpaket, bewilligte mehr
Geld für Beratungsstellen. In der Öffentlichkeit wird
der sogenannte Hamburger Ehrenmord-Fall bis heute
aufmerksam verfolgt. Zum Prozessauftakt hat die
Frauenrechts- Organisation "terres des femmes" zur
Demonstration vor dem Gericht aufgerufen.
Zumindest fraglich ist bislang, ob die blutige Tat eine
kühl geplante Hinrichtung zur Wahrung traditioneller
Werte war. Mit dem Fall einer Berliner Deutsch-Kurdin,
die 2005 von ihrem Bruder wohl im Auftrag ihrer Familie
exekutiert wurde, sei Morsals Tod nicht vergleichbar,
meint Thomas Bliwier, der Verteidiger des jungen Mannes.
"Die Dinge sind komplizierter."
Psychologische Gutachten sollen Klarheit bringen
Psychologische Gutachter werden an den zehn geplanten
Prozesstagen wohl eine große Rolle spielen. Denn der
Angeklagte gilt als eine hochproblematische, notorisch
gewaltbereite Persönlichkeit. Die Staatsanwaltschaft
hält den 24-Jährigen für voll schuldfähig. Allerdings
hat auch sie keinen Zweifel daran, dass es sich um die
Tat eines irregeleiten jungen Mannes handelt - und diese
nicht mit einem von der Verwandtschaft gebilligten
Ehrenmord verglichen werden kann. "Wir haben keine
Erkenntnisse, dass die Familie in irgendeiner Weise
beteiligt sein könnte", betont Möllers.
(Sebastian Bronst, dpa, N24)
 |